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„Harry Brown“

Das im Jahr 2009 unter dem Titel „Harry Brown“ veröffentlichte Spielfilmdebüt des britischen Regisseurs Daniel Barber, ist kein Film wie jeder andere. Für verschiedene Filmpreise und Auszeichnungen nominiert, erzählt das Werk eine packende und fesselnd inszenierte Geschichte rund um Bandenkriminalität, Moral und Selbstjustiz.
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Leben und leben lassen

Die Story des Films, dreht sich durchgehend um den im Titel angekündigten Harry Brown (Michael Caine), welcher ein eher gesetztes Dasein als Witwer fristet. Der Verlust seiner Tochter und seine im Koma liegende Frau, haben Harry sichtbar zugesetzt und dem ehemaligen Royal Marine viel seiner Lebensfreude genommen. Dass er zudem in einer sozial schwachen Umgebung lebt und sich tagtäglich mit gewalttätigen Jugendlichen und Kriminalität konfrontiert sieht, verschärft das Unwohlsein des Rentners zudem. Seinen einzigen Rückhalt, findet Harry in den regelmäßigen Stunden am Krankenbett seiner Frau und im Umgang mit seinem engen Freund Leonard.

Dieses einleitende Szenario und die wiederholt aufgegriffene Darstellung unverhältnismäßiger Gewaltanwendung seitens der Jugendlichen des Viertels, schaffen einen schnellen Einstieg in die Psyche des Hauptakteurs und lassen eine Identifikation mit dessen Gefühlslage zu. Der Film kreiert so eine dichte Atmosphäre, ohne allzu langatmig oder gar aufdringlich zu sein. Die Problematik und ein möglicher Plot, werden geschickt angedeutet und bauen eine subtile Spannung, hin zum ersten Wendepunkt auf.

Von Gesinnungswandeln und Null-Toleranz-Politik

Mit dem Verlust seiner beiden letzten Bezugspersonen, an welchem die Jugendlichen des Viertels maßgeblich beteiligt scheinen, ändert sich für Harry Brown schließlich alles. Der Film verzichtet hier auf die Hollywood-typische Inszenierung eines totalen Zusammenbruchs, welcher den Protagonisten schließlich wie Phönix aus der Asche wiederauferstehen lassen würde. Daniel Barber beweist stattdessen Fingerspitzengefühl und Know-How, indem er nahe an der Realität arbeitet und sich von übertriebener Aufmachung und berechnender Filmführung distanziert. An dieser Stelle bricht der Film ein erstes Mal deutlich aus der Reihe unbedeutender Massenproduktionen aus und beweist Tiefgang und Potential. Trotz oder gerade aufgrund eines eher verhaltenen Neustarts Harrys in seine ungewohnte Rolle als Rächer seiner Familie und Verfechter seines Reviers, gewinnt er unaufhörlich an Sympathie und Glaubwürdigkeit.

Der ehemals eingeschüchterte und hilflose Rentner, entdeckt das Feuer seiner Marine-Vergangenheit wieder in sich und avanciert zum Rebellen der Neuzeit. Der frühere Dienst an der Waffe und einige unerwartete Nahkampffähigkeiten, machen aus dem gebrochenen Senioren, eine wahre Ein-Mann-Armee. Der sich aus dem Dunstkreis krimineller Jugendlicher schnell als Hauptverantwortlicher abzeichnende Noel Winters (Ben Drew), wird zum Primärziel des aufgebrachten Harry. Dass auf diesem Weg einige Menschen ihr Leben durch die Hand des Rentners verlieren, wirkt trotz des Verzichts auf stereotype Übertreibung, ungewohnt brutal und erschütternd. Es sind die moralische Tiefe und realitätsnahe Erzählweise, welche dieses außergewöhnlich mitreißende Erlebnis bedingen. Eine sich früh abzeichnende Involvierung der ortsansässigen Kriminalbeamten Alice und Hicock, schafft einen dritten Brennpunkt und verdichtet den Hauptstrang der Handlung. So bleiben Harry und seine Bemühungen um Gerechtigkeit, im Fokus der Erzählung, gewinnen jedoch einen ernstzunehmenden Konterpart.

Rache, Selbstjustiz und Anarchie

Je näher Harry seinem Ziel kommt, desto enger zieht sich das Netz aus Verstrickungen, Gewalt und Verbrechen. Das Finale des Films, wirft schließlich noch einmal alles in einen Topf. Harrys Zusammenbruch, Ausschreitungen im Viertel und eine unerwartete Personenkonstellation, gipfeln in einer spannungsgeladenen Szene, welche über das Gelingen oder Scheitern von Harrys Bemühungen entscheidet. Der Film findet hier ein mehr als würdiges Ende und bleibt seinem Stil bis zuletzt auf beeindruckende Weise treu.

Fazit

„Harry Brown“ ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Während der rapide Wandel des Protagonisten, den Zuschauer zunächst irgendwo zwischen Mitgefühl und Befremdung zurücklässt, kommen bald Bewunderung und Sympathie auf und laden ein, auf Harrys Feldzug für Gerechtigkeit mitzufiebern. Der Film vereint eine dichte Atmosphäre mit brillianten Schauspielern und einem außergewöhnlichen und authentischen Konzept.